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Theater-Werkstatt im Fach "Literatur"

Theorie:
Sieben Thesen zum Schülertheater in Literatur

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Wenn im Folgenden von Schultheater gesprochen wird, ist damit die Theaterwerkstatt im organisatorischen Rahmen des Fachs Literatur gemeint. Neben vielen Gemeinsamkeiten mit den Theater-Arbeitsgemeinschaften gibt es auch spezifische Unterschiede.

1. Schultheater ist kein abgespecktes Profitheater.
Der spielende Schüler ist kein Instrument der Botschaft des Autors oder des Regisseurs. Schultheater ist für den Schüler da, der sich kreativ entfalten und entwickeln soll. Erst in zweiter Linie will er dem Zuschauer etwas mitteilen oder ihn unterhalten.

2. Schultheater ist armes Theater.
Armes Theater nach Jerzy Grotowski macht aus der Not eine Tugend: Der Mangel an technischer und materieller Ausstattung, hervorgerufen durch Geldnot, hebt das Wichtige auf der Bühne hervor, den Menschen, und lenkt nicht mit überladenem Lindenstraßen-Realismus von ihm ab. Armes Theater ist eine Antwort auf die eingefahrene Routine des Ausstattungstheaters.

3. Im Schultheater gibts keinen Konjunktiv.
Arbeit im Schultheater ist immer Projektarbeit. Das bedeutet vor allem eigenverantwortliches und arbeitsteiliges Tun für die Schüler. Jeder hat seine spezifische Aufgabe, jede Aufgabe ist wichtig. Wenn der Beleuchter schläft, stehen alle im Dunkeln. Die üblichen Schülerausreden "man könne mal, ... ich wäre ja, wenn nicht ..." sind Resultat der relativ seltenen Produktorientierung im normalen Unterricht und verfangen in der Theaterarbeit nicht. Auch eine noch so gute Idee für eine Spielrequisite kann die eigenhändig gebastelte Requisite beim Spielen nicht ersetzen. Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun.

4. Der Weg ist das Ziel.
Der Erfolg eines Literaturkurses lässt sich nicht allein an der Aufführung ablesen, die am Ende eines fast einjährigen Prozesses steht. Der Zielpunkt, eine öffentliche Aufführung, ist sicherlich unverzichtbar. Denn ohne Ziel stimmte jede Richtung. Der Weg aber dorthin, der Prozess des Arbeitens, ist für die Ensemblemitglieder oftmals noch wichtiger. Gerade das Auseinandersetzen mit Problemen, das Aushalten ungelöster Schwierigkeiten und ggf. deren Überwindung machen stark. Wer mit Problemen und Unzulänglichkeiten zäh ringt, kann verlieren. Wer erst gar nicht damit beginnt, hat schon verloren.

5. Probieren geht über studieren.
"Ich habe diesen Seufzer hier im Rollentext ganz anders verstanden", sagt ein schauspielender Schüler während der Probe. Was nun folgt unterscheidet sich vom üblichen Deutschunterricht erheblich. Statt interpretatorischer Ausführungen - vom Spielleiter auch schon ‚mal' als gymnasiale Geschwätzigkeit bewusst abgewertet - beginnt nun eine spielerische, szenische Auseinandersetzung mit dem Text. Leaming by doing, Verschiedene Variationen werden ausprobiert, durchgespielt, verschiedene Meinungen und Deutungen werden durch theatrale Mittel sichtbar gemacht. Nicht immer finden wir sofort eine Lösung.
Wer Gruppenprozesse ernst nimmt, muss auch warten können. Am Ende gibt es immer eine Lösung. Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen.

6. Spielgruppe und Stück müssen zueinander passen.
Die Literaturkurse Theater beginnen mit körperlichen, stimmlichen und spielerischen Übungen in der Turnhalle, die noch nicht auf ein Stück oder eine Aufführung ausgerichtet sind. Gerade in dieser spielerischen Phase entwickeln sich zwanglos Spielideen und Rollenentwürfe, zeigen sich Temperamente und Charaktere der Schüler, die bei der späteren Suche nach einem Stück sehr hilfreich sein können. Gleichzeitig kristallisiert sich in diesem Prozess ein charakteristischer Stil des Miteinanders heraus. Beachtet der Spielleiter die Eigenart seiner Gruppe, wird er mit den Schülern gemeinsam ein Stück finden, das tatsächlich zu der Gruppe passt. Das schützt dann schon ein wenig vor der Peinlichkeit eines öden Steh- und Aufsag-Theaters.

7. Theaterspielen ist Lernen mit Kopf Herz und Hand.
Wenn Schüler Theater spielen, vollziehen sie eine Bewegung von innen nach außen. Aus der Vorstellung einer imaginierten Welt wird die Darstellung einer imaginierten Welt. Dazu bedarf es des ganzen Menschen. Der Kopf beobachtet, reflektiert und kreiert Spielprozesse und irgendwann muss er auch den Rollentext aufnehmen und behalten. Das Herz ist nicht nur Schlüssel für die Rollenbiographie, es ist auch Schaltzentrale im Umgang mit den Gruppenmitgliedern. Kurz: Das Herz ist Symbol für die geforderten sozialen Kompetenzen einer Theatergruppe. Hinter der Bühne und in der Theaterwerkstatt wird mit den Händen gewerkelt. Die Hand ist aber nicht nur Werkzeug, sondern steht auch für den Körper, dem vielleicht wichtigsten Ausdrucksmittel auf der Bühne. Die verbale Botschaft eines Stückes wird erst dann wirklich ankommen, wenn die Schauspieler in der Lage sind, allein schon durch ihre körperliche Erscheinung die Gefühlsebenen der Zuschauer zu erreichen.

Ulrich Wiegand

aus: Literaturbrief 3/99 der Bezirksregierung Arnsberg

 

   

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