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Wenn im Folgenden von Schultheater
gesprochen wird, ist damit die Theaterwerkstatt im organisatorischen
Rahmen des Fachs Literatur gemeint. Neben vielen Gemeinsamkeiten mit den
Theater-Arbeitsgemeinschaften gibt es auch spezifische Unterschiede.
1. Schultheater ist kein abgespecktes Profitheater.
Der spielende Schüler ist kein Instrument der Botschaft des Autors
oder des Regisseurs. Schultheater ist für den Schüler da, der sich
kreativ entfalten und entwickeln soll. Erst in zweiter Linie will er dem
Zuschauer etwas mitteilen oder ihn unterhalten.
2. Schultheater ist armes Theater.
Armes Theater nach Jerzy Grotowski macht aus der Not eine Tugend: Der
Mangel an technischer und materieller Ausstattung, hervorgerufen durch
Geldnot, hebt das Wichtige auf der Bühne hervor, den Menschen, und
lenkt nicht mit überladenem Lindenstraßen-Realismus von ihm ab. Armes
Theater ist eine Antwort auf die eingefahrene Routine des
Ausstattungstheaters.
3. Im Schultheater gibts keinen Konjunktiv.
Arbeit im Schultheater ist immer Projektarbeit. Das bedeutet vor
allem eigenverantwortliches und arbeitsteiliges Tun für die Schüler.
Jeder hat seine spezifische Aufgabe, jede Aufgabe ist wichtig. Wenn der
Beleuchter schläft, stehen alle im Dunkeln. Die üblichen
Schülerausreden "man könne mal, ... ich wäre ja, wenn nicht
..." sind Resultat der relativ seltenen Produktorientierung im
normalen Unterricht und verfangen in der Theaterarbeit nicht. Auch eine
noch so gute Idee für eine Spielrequisite kann die eigenhändig
gebastelte Requisite beim Spielen nicht ersetzen. Für das Können gibt
es nur einen Beweis: das Tun.
4. Der Weg ist das Ziel.
Der Erfolg eines Literaturkurses lässt sich nicht allein an der
Aufführung ablesen, die am Ende eines fast einjährigen Prozesses
steht. Der Zielpunkt, eine öffentliche Aufführung, ist sicherlich
unverzichtbar. Denn ohne Ziel stimmte jede Richtung. Der Weg aber
dorthin, der Prozess des Arbeitens, ist für die Ensemblemitglieder
oftmals noch wichtiger. Gerade das Auseinandersetzen mit Problemen, das
Aushalten ungelöster Schwierigkeiten und ggf. deren Überwindung machen
stark. Wer mit Problemen und Unzulänglichkeiten zäh ringt, kann
verlieren. Wer erst gar nicht damit beginnt, hat schon verloren.
5. Probieren geht über studieren.
"Ich habe diesen Seufzer hier im Rollentext ganz anders
verstanden", sagt ein schauspielender Schüler während der Probe.
Was nun folgt unterscheidet sich vom üblichen Deutschunterricht
erheblich. Statt interpretatorischer Ausführungen - vom Spielleiter
auch schon ‚mal' als gymnasiale Geschwätzigkeit bewusst abgewertet -
beginnt nun eine spielerische, szenische Auseinandersetzung mit dem
Text. Leaming by doing, Verschiedene Variationen werden ausprobiert,
durchgespielt, verschiedene Meinungen und Deutungen werden durch
theatrale Mittel sichtbar gemacht. Nicht immer finden wir sofort eine
Lösung.
Wer Gruppenprozesse ernst nimmt, muss auch warten können. Am Ende gibt
es immer eine Lösung. Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu
sehen.
6. Spielgruppe und Stück müssen zueinander
passen.
Die Literaturkurse Theater beginnen mit körperlichen, stimmlichen
und spielerischen Übungen in der Turnhalle, die noch nicht auf ein
Stück oder eine Aufführung ausgerichtet sind. Gerade in dieser
spielerischen Phase entwickeln sich zwanglos Spielideen und
Rollenentwürfe, zeigen sich Temperamente und Charaktere der Schüler,
die bei der späteren Suche nach einem Stück sehr hilfreich sein
können. Gleichzeitig kristallisiert sich in diesem Prozess ein
charakteristischer Stil des Miteinanders heraus. Beachtet der
Spielleiter die Eigenart seiner Gruppe, wird er mit den Schülern
gemeinsam ein Stück finden, das tatsächlich zu der Gruppe passt. Das
schützt dann schon ein wenig vor der Peinlichkeit eines öden Steh- und
Aufsag-Theaters.
7. Theaterspielen ist Lernen mit Kopf
Herz und Hand.
Wenn Schüler Theater spielen, vollziehen sie eine Bewegung von
innen nach außen. Aus der Vorstellung einer imaginierten Welt wird die
Darstellung einer imaginierten Welt. Dazu bedarf es des ganzen Menschen.
Der Kopf beobachtet, reflektiert und kreiert Spielprozesse und
irgendwann muss er auch den Rollentext aufnehmen und behalten. Das Herz
ist nicht nur Schlüssel für die Rollenbiographie, es ist auch
Schaltzentrale im Umgang mit den Gruppenmitgliedern. Kurz: Das Herz ist
Symbol für die geforderten sozialen Kompetenzen einer Theatergruppe.
Hinter der Bühne und in der Theaterwerkstatt wird mit den Händen
gewerkelt. Die Hand ist aber nicht nur Werkzeug, sondern steht auch für
den Körper, dem vielleicht wichtigsten Ausdrucksmittel auf der Bühne.
Die verbale Botschaft eines Stückes wird erst dann wirklich ankommen,
wenn die Schauspieler in der Lage sind, allein schon durch ihre
körperliche Erscheinung die Gefühlsebenen der Zuschauer zu erreichen.
Ulrich Wiegand
aus: Literaturbrief 3/99 der
Bezirksregierung Arnsberg
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